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Gitarrengerecht Komponieren  für den Anfangsunterricht 

Jürg Hochweber 

Der Mangel an geeigneter Unterrichtsliteratur oder auch Experimentierfreudigkeit animiert heute viele Gitarrenlehrer/innen, eigene Stücke zu schreiben, sei es nur für den eigenen Gebrauch oder für die Allgemeinheit. Das ist erfreulich, doch leider genügt das Wenigste davon der Hauptforderung, die an leichte Unterrichtsliteratur gestellt wird, nämlich hoher Wirkungsgrad, das heisst viel Ertrag mit wenig Übaufwand. Deshalb möchte ich auf Grund meiner Erfahrung im Schreiben von Unterrichtsliteratur einige Tipps weitergeben, um gewisse bittere Enttäuschung zu vermeiden. (Einiges lernt man aber wohl nur aus Fehlern).

Zuerst eine banale Regel: Ein Stück ist so schwer wie seine schwierigste Stelle. Wenn also auch nur eine Streckung verlangt wird, gehört dieses Stück schon zu einem höheren Schwierigkeitsgrad. Und eine persönliche Meinung: Es ist vor allem die Greifhand, die leicht sein soll, da sonst immer die Gefahr besteht, dass mit Kraft gespielt wird und die Haltung verdorben wird, während die Zupfhand schon ein bisschen gefordert werden darf, da hier kaum Verkrampfung droht.

Doch ich muss umgekehrt beginnen: das Naheliegendste beim Komponieren von leichter Literatur funktioniert leider meist schlecht: Man hat eine Melodie im Kopf, schreibt sie auf und ergänzt Bässe oder Füllstimmen. Selten wird daraus etwas wirklich Gitarrengerechtes. Entweder braucht es Streckungen, Lagewechsel, oder dann ist man gezwungen, unmelodiöse Bass-Sprünge zu schreiben. Deshalb empfehle ich, immer mit der Gitarre in der Hand gleich das Ganze zu komponieren, es lässt sich dann immer noch nachträglich ausfeilen. Ebenso empfehle ich, am Anfang einen Schwierigkeitsgrad festzulegen, der keinesfalls überschritten werden soll, eventuell auch einen „Grad der Abstraktheit“.

Eine streng polyphone Schreibweise ist auf der Gitarre grundsätzlich problematisch. Es wird schwierig und tönt oft dünn. Die instrumentgerechtesten Stücke sind oft die, wo sich die Melodie aus Arpeggien entwickelt und es ist manchmal gut, offen zu lassen, welche Töne überhaupt zur Melodie gehören und welche zur Begleitung, wie im folgenden Beispiel. Diese Doppeldeutungen machen den Reiz vieler Gitarrenstücke aus (und schaffen Probleme bei der Notation).  

Etwas ganz anderes: Besonders für sehr junge SchülerInnen ist ein Stück viel leichter verständlich, wenn die Melodietöne im Bereich der (kindlichen) Gesangsstimme liegt. Das heisst, wenn du dich auf 3 Bünde beschränken willst, kommen in C-Dur folgende Töne in Frage:

Deshalb sind die vielen eigentlich günstigen Anfangsstücke mit Bassmelodie eben doch nicht so günstig:

Übrigens ist beim Komponieren für Gitarre die Hauptarbeit tatsächlich nicht unbedingt das Finden von Ideen, sondern das instrumentgerechte Umsetzen einer Idee. Daraus folgt, dass du als Komponist von Unterrichtsliteratur leider manchen guten Einfall in den Mülleimer werfen musst, da er sich eben gegen jede leicht spielbare Realisation sperrt. Aber zum Glück lässt sich manchmal eine aussichtlose Situation retten, indem gerade ein unwahrscheinliches Element, etwa ein Tritonusschritt im Bass, gut sitzt. Sehr gut für den Anfangsunterricht sind pseudo-zweistimmige Sachen, das heisst, es wird immer nur ein Ton aufs Mal gezupft, aber durch das Weiterklingen einzelner Töne (oft leere Bässe) entsteht ein zweistimmiger Eindruck. Voraussetzung ist natürlich, dass im Unterricht, was ich sehr empfehle, möglichst von Anfang das Tirando behandelt wird.

Die Anzahl Stimmen ist eigentlich gar kein Kriterium für den Schwierigkeitsgrad. Dreistimmiges wie im nächsten Beispiel ist leichter als viele einstimmigen Sachen und zwingen zudem zu einer guten Haltung.

Deshalb lehne ich auch Lehrgänge ab, wo zuerst lange einstimmig, dann zweistimmig mit leeren Bässen, dann mit gegriffenen Bässen etc. vorgegangen wird, da es viel zu lange geht, bis es wirklich nach Gitarre tönt.

Mehr Rhythmus durch Komplementbildung. 
Für viele Gitarren-Anfänger/innen ist Rhythmuslesen eine grosse Herausforderung. Doch lassen sich auch rhythmisch schwer klingende Effekte kompositorisch einfach erreichen, indem durch Auffüllen in einer andern Stimme fürs Auge regelmässige Achtelfolgen dastehen.  So ist es ziemlich schwierig:

Doch so sieht's wesentlich einfacher aus und tönt erst noch besser:

Sowohl die obere als auch die untere Stimme haben für sich allein einen eher schwierigen Rhythmus. Ihr Komplement ergibt aber eine einfache Achtelfolge. Das Ohr hört aber die beiden Einzelrhythmen. Übrigens, habt ihr auch schon festgestellt, dass junge SchülerInnen zunehmend Mühe mit dem Dreivierteltakt haben, da das in der Popmusik kaum vorkommt? 

Mehr Pepp mit Akkorden.
Sehr beliebt im Unterricht sind Stücke mit geschlagenen Akkorden. Akkorde haben den Vorteil, dass man kleine Unsauberkeiten nicht so gut hört, besonders wenn sie eher perkussiven Charakter haben. Und Akkorde sind das, was SchülerInnen zuallererst von der Gitarre erwarten. Ich notiere dann die Akkorde nur mit Symbolen und der bei Begleitung üblichen Rhythmusnotation:

die genaue Realisation ist dann den SpielerInnen bezw. Lehrpersonen überlassen. Viele Akkorde wie G, G7 C können dann vollgriffig oder abgekürzt nur über drei Saiten gespielt werden, je nach Können und Stil.

Notationprobleme.
Bei einiger Unterrichtsliteratur ist es gar nicht die eigentliche Substanz, als vielmehr die gewählte Notationart, die ein Stück schwieriger macht, als es sein muss. Das gilt besonders bei freistimmigen Sachen. Wie aus den Beispielen schon ersichtlich, gilt für mich bei Unterrichtsliteratur als oberstes Gebot leichte Lesbarkeit.
Streng polyphone Notation ist nicht nur schwer lesbar, sondern täuscht manchmal eine Genauigkeit vor, die gar nicht gemeint ist. Im folgenden Beispiel ist allen klar, dass die Böglein ein Weiterklingen andeuten, und punkto Dämpfen eine gewisse Freiheit besteht.

Das Gleiche, streng polyphon notiert, sieht hingegen so aus:

Das sieht nicht nur hässlich aus, sondern suggeriert, dass etwa der zweite Ton h gedämpft werden muss, was sicher niemand tut. Als Autor von Unterrichtsliteratur sollte übrigens immer berücksichtigt werden, dass die wenigsten SchülerInnen eine angemessene Dämpftechnik beherrschen.

Halsrichtung
Es gibt ein viel ruhigeres Bild, wenn die Hälse über grössere Strecken gleichgerichtet sind, selbst wenn es dem widerspricht, was wir in der Schule gelernt hatten. Vergleiche die beiden folgenden Bilder:

Tonarten.
Entgegen einer oft gehörten Meinung ist nicht etwa A-Dur oder D-Dur die günstigste Tonart, sondern C-Dur, G-Dur, A-Moll, E-Moll. Bei letzteren kann man vieles nur auf die ersten 3 Bünden beschränken, während bei D-Dur und A-Dur auch der 4. benötigt wird, abgesehen, dass viele Vorzeichen die Lernenden verwirrt.

 

Es ist mir klar, dass vieles von meinen Erörterungen subjektiv gefärbt ist. Aber wenn du für den Gitarrenunterricht schreiben willst, musst du dich mit diesen Elementen auseinandersetzen. Nütze jedenfalls alle gitarrenspezifischen Effekte, überlasse die Tripelfuge der Orgel und lerne die Vorzüge deines Instrumentes kennen! Abschliessend würde ich sagen, es ist hier wie in der Architektur: das Zweckdienlichste ist meist auch das Schönste.

 Jürg Hochweber, April 07

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